Wenn der Schlüssel zu Gott nicht mehr passt: Eine alltägliche Geschichte über das Hinfallen, die Versöhnung und Gottes offene Türen.
Es war eine gewöhnliche Samstagmesse. Alles war vorbereitet, der Gottesdienst nahm den gewohnten Gang. Aus irgendeinem Grund war es an diesem Tag an mir, die Kommunion auszuteilen. Normalerweise fällt dieses Amt an Wochenenden dem ersten Lektor zu, nicht dem Mesmer.
Während dem Agnus-Dei war es soweit. Von zwei Ministranten feierlich begleitet, haben wir uns mit Kerzen zum Tabernakel aufgemacht, um das Ziborium zu holen. Der Schlüssel hat gesteckt. Dieses Mal, liess er sich jedoch nicht vollständig drehen - der Schlüssel blieb halb verrichtet stecken - der Tabernakel blieb verschlossen.
Mit verstörtem Gesichtsausdruck, aber ohne Ziborium habe ich den Pfarrer informiert, dass ich den Tabernakel nicht öffnen kann. Gott sei Dank haben die vorhandenen Hostien für alle gereicht. Aber warum hat der Schlüssel dieses Mal nicht gepasst? Warum konnte ich den Tabernakel nicht öffnen? Ich kam mir vor wie eine der törichten Jungfrauen im Matthäus-Evangelium (25.12), die vor verschlossenen Türen stand. „Amen, ich sage euch: Ich kenne dich nicht.“ Hier kommst du nicht hinein!
Nach dem Gottesdienst war das Rätsel schnell gelöst. Der Schlüssel war am Vorabend auf die Stufe gefallen, sodass er sich verbogen hatte und daher nicht mehr passte. Mit einer Zange war schnell abgeholfen.
Diese Schlüssel-Geschichte ist mehr als ein triviales Ereignis. Sie birgt spirituelle Tiefe: Aus unserem Alltag sind wir gewohnt, dass Gottes Türen offen sind. Der Schlüssel zum Herzen Gottes scheint zu passen.
Das Leben birgt aber auch Gefahren. Wir kommen zu Fall. Wir stehen auf und gehen weiter. Oft merken wir nicht, wie wir Schaden genommen haben. Manchmal aber ist, wie bei diesem Schlüssel etwas aus der Form geraten und verbogen. Wir reflektieren kurz und schreiben den Vorfall ab. Irgendwann aber merken wir, dass etwas nicht mehr stimmt. Der innere Friede ist gebrochen, wir werden unruhig. Das Beten wird schwieriger. Unser Schlüssel zu Gott knarzt und bleibt stecken.
Jetzt braucht es etwas wie eine spirituelle Zange, die uns wieder zurecht biegt. In der Werkstatt Gottes gibt es ein passendes Werkzeug: das Sakrament der Versöhnung. Gott selbst ist wie ein Schmied, der durch den Priester das Verbogene in uns wieder richten kann. Wenn der Schlüssel unserer Gottesbeziehung nicht mehr passt, ist es an der Zeit ihn von Gott selbst richten zu lassen. Ansonsten kann es sein, dass wir wie ich, mit langem Gesicht da stehen und erst zu spät merken, dass wir vorher hätten schauen sollen.
Andreas Zureich, Mesmer